Sterbebegleitung – Fortschritt in der Kritik?

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Es gibt kaum ein Thema, das die Gemüter im Bereich des selbstbestimmten Sterbens so sehr erhitzt, wie die Frage, ob und zu welchen Teilen Sterbehilfe (in Deutschland) erlaubt werden sollte, oder aber nicht. Sofern uns dieses Recht auf selbstbestimmtes Sterben noch immer in Teilen verwehrt bleibt, gibt es trotzdem Möglichkeiten, den eigenen Tod so eigenständig wie nur möglich einzufordern. Eine Patientenverfügung ist dafür unverzichtbar und „erlaubt“ es den behandelnden Ärzten, passive Sterbehilfe zu leisten. Sie dürfen den Tod nicht aktiv und durch einen neuen Kausalverlauf einleiten, aber zum Beispiel lebenserhaltende Maßnahmen einschränken oder unterlassen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, ohne ärztliche Hilfe, durch das Sterbefasten, seinen Tod herbeizuführen. In der Schweiz und auch in Deutschland existieren spezielle Vereine, die nach eigenen Angaben dieses menschliche Recht auf ein „würdevolles Sterben“ vertreten. Genauso stehen sie aber auch immer wieder in der Kritik. Aus diesem Grund haben wir bei DIGNITAS e.V. genauer nachgefragt. 

„Was den freiwilligen Tod betrifft: Ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse.“- Hermann Hesse

Auch in Deutschland finden Vereine, die für ein selbstbestimmtes Sterben plädieren, immer mehr Anklang – werden aber genauso kritisch hinterfragt.

Traurig aber wahr: Erst seit September 2009 besteht per Gesetz die Verbindlichkeit einer Patientenverfügung. Kommt es hart auf hart, sind Vereine wie DIGNITAS mit anwaltlicher Hilfe bei der Durchsetzbarkeit sowie der Einklagbarkeit dieser Vorsorgeverfügung behilflich.

Aus Sicht von DIGNITAS Deutschland e.V., der sich seit 2005 für die Selbstbestimmung am Lebensende stark macht, besteht ihr Ziel darin, die allgemeine Rechtslage im Bereich des Sterbens zu verbessern. Das bedeutet genauer, dass elementare Bürgerrechte wie Leben und Sterben in Würde sowie die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts auch in die Praxis umgesetzt werden kann.

Kritik diesen Vereinen gegenüber fällt natürlich vor allem von Seiten derer, die sich gegen die Durchsetzung der Selbstbestimmung in „letzten Dingen“ sowie gegen die Freitodbegleitung aussprechen und sofern man diese Meinung vertritt, ist diese dann auch nicht unberechtigt. Zum einen, weil in den letzten Jahren vermehrt Menschen in die Schweiz gereist sind, um dort mit ihrer Hilfe selbstbestimmt sterben zu können und zum anderen, weil hier auch immer wieder bestimmte Methoden der Freitodbegleitung kritisiert und als menschenunwürdig empfunden werden.

Was genau bedeutet für einen Verein wie DIGNITAS „Leben und Sterben in Würde“?

Jenseite: DIGNITAS Deutschland existiert seit 2005. Wieviele Mitglieder haben Sie mittlerweile ungefähr?

DIGNITAS e.V. : DIGNITAS-Schweiz und DIGNITAS-Deutschland haben zusammen rund 7.000 Mitglieder in ca. 70 verschiedenen Ländern rund um den Erdball. Ca. 3.000 unserer Mitglieder leben in Deutschland.

Jenseite: Seit 2009 besteht per Gesetz die Verbindlichkeit der Patientenverfügung innerhalb Deutschlands. Was hat sich seitdem verbessert und ist das selbstbestimmte Sterben somit „einfacher“ geworden?

DIGNITAS e.V. : Sterbehilfe ist mit vielen juristischen und gesellschaftlichen Aspekten verbunden. Das lässt sich an einem Beispiel der Suizidproblematik sehr deutlich machen:

Gemäß der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes verstarben im Jahr 2012 (die aktuellste Zahl) 9.890 Personen durch Suizid. Nun gibt es Forschungen, die aufzeigen, dass die Zahl der Suizidversuche bis zu 50 mal höher ist, als die Zahl der „erfolgreichen“ Suizide. Das bedeutet für Deutschland, dass im Jahr 2012 bis zu 494.500 Suizidversuche unternommen wurden. Auch wenn die Zahl der Suizidversuche „nur“ 10 mal höher als die registrierten Suizide ist, wie gewisse Forscher annehmen, sind es immer noch 98.900 Menschen, von denen 89.010 die Folgen ihres Scheiterns tragen müssen.

Folgen tragen aber auch Drittpersonen: Polizei, Notarzt, Feuerwehr, Lokführer, Angehörige, Freunde.

Unter den Personen, die einen Suizid planen, sind zweifelsohne einige, die aufgrund ihrer schweren Krankheit versuchen, ihr Leiden und Leben zu beenden.

Jenseite: Was folgern Sie daraus?

DIGNITAS e.V. : Wenn diese Menschen einen Zugang zu einem selbstbestimmten, würdigen Lebensende, im Rahmen einer sorgfältig vorbereiteten Freitodbegleitung, wie wir das hier in der Schweiz seit 30 Jahren machen, bekämen, dann müssten diese Menschen doch nicht mehr von der Brücke springen, vor den Zug gehen, sich eine Kugel in den Kopf schießen und was es sonst noch für schockierende Methoden gibt. Vor allem würde damit die Tür zu einem ehrlichen, ergebnisoffeneren Beratungsgespräch geöffnet, in dessen Verlauf man zusammen mit der Person prüfen kann, ob es nicht doch etwas Besseres als den Tod gibt – nämlich Lösungen zum Leben hin.

Und noch viel wichtiger: das Risiko (vorerst) mit den Folgen des Scheiterns weiterleben zu müssen, wäre auch vom Tisch, wenn die sichere „Schweizer Methode“ angewandt werden könnte. So betrachtet ist die Möglichkeit des Zugangs zu einer Freitodbegleitung tatsächlich eine Form von Suizidprävention, genauer gesagt Suizidversuchsprävention.

Es ist des Weiteren auch interessant, dass von all jenen, die grundsätzlich „provisorisches grünes Licht“ für eine Freitodbegleitung bekommen, nur ca. 14 % davon wirklich Gebrauch machen. Es geht eben nicht um „es tun“ sondern um „es tun können, falls“.

Jenseite: Was genau verstehen Sie unter der „sicheren Schweizer Methode“?

DIGNITAS e.V. : Damit meine ich Freitodbegleitung, mit einem bewährten Medikament, das den Patienten nach Einnahme in ein tiefes Koma versetzt. Nach rund 20-40 Minuten (je nach Zustand des Patienten) ist die Dosis im Blut so stark angeflutet, dass die Atmung und der Herzschlag flacher und langsamer werden, bis sie schließlich aussetzen. So, wie bei einem natürlichen Tod. Diese Methode erlaubt auch, dass Angehörige und Freunde dabei sein können. Außerdem sind natürlich erfahrene und professionelle Begleiter (in unserem Fall Mitarbeiter von Dignitas) anwesend.

Wir setzen immer zwei Begleiter/Begleiterinnen ein, damit einer sich mehr um den Patienten und der andere sich mehr um die Angehörigen kümmern kann. Letztere brauchen manchmal mehr Zuwendung als der Patient selbst.

An sich ist es ein sehr ähnlicher Vorgang wie bei der Palliativbehandlung: Sind die Leiden eines Menschen so groß, dass er es bei Bewusstsein kaum noch aushält, müssen die Schmerzmittelgaben irgendwann so hoch dosiert werden, dass der Patient schließlich die meiste Zeit schläft, bis der Tod eintritt.

Jenseite: Was ist nun der konkrete Unterschied?

DIGNITAS e.V. : Bei der Freitodbegleitung wählt der Patient Ort und Zeitpunkt seines Endes und führt dies durch eigene Handlung bewusst und gezielt herbei. Innerhalb der palliativen Maßnahmen gibt sich der Patient in die Hände der Ärzteschaft, welche (auch dank der Patientenverfügung) von lebenserhaltenden und –verlängernden Maßnahmen absehen kann, starke Schmerzmittel geben darf und so zur Erlösung vom Leiden beiträgt.

Die beiden Wege ergänzen sich und je nach Situation ist der eine oder der andere die sinnvollere Wahl.

In der Schweiz können Ärzte dieses Narkosemittel für die Freitodbegleitung verschreiben, in Deutschland können dies die Ärzte leider nicht, da es nicht in tödlicher Dosis ‚verschreibungsfähig‘ ist.

Anm.d.Red.: Daraus lässt sich dementsprechend auch erklären, wieso zum Beispiel Personen aus Deutschland ihre letzten Stunden in der Schweiz verleben wollen.

Jenseite: Welcher Kritik müssen Sie sich innerhalb Ihrer Vereinstätigkeit immer wieder stellen?

DIGNITAS e.V. : Wir erleben überwiegend Zustimmung. Das lässt sich auch anhand von Umfrageergebnisse ableiten, schauen Sie sich z.B. einmal diese Resultate an.

Anm.d.Red.:  Aus der verlinkten Umfrage wird ersichtlich, dass 87 Prozent der befragten deutschen Bevölkerung für ein selbstbestimmtes Sterben plädiert. Darauf folgen die Länder Spanien, Österreich und Großbritannien.

Kritik kommt hauptsächlich von jenen, die aufgrund ihrer Ideologie und/oder ihrer Machtposition oder aus wirtschaftlichen Gründen gegen die Selbstbestimmung des Menschen im Leben und am Lebensende sind. Also Leute, die gerne Macht über die Menschen ausüben wollen, diese kontrollieren wollen, ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben oder nicht. Das sind vor allem konservativ-religiöse Politiker, der konservative Teil der Kirche, selbsternannte Ethiker (meist verkappte religiöse Leute), Funktionäre der Ärztekammern, Vertreter der Krankenhaus- und Pharmaindustrie, usw. Also all jene, welche ein ganz bestimmtes Macht- oder Finanz-Interesse daran haben, dass der Mensch über sein Lebensende nicht frei bestimmten darf.

Anm.d.Red.: In der Vergangenheit musste sich DIGNITAS vor allem für zwei Freitodbegleitungen immer wieder schwerst kritisieren lassen. Zum einen ging es dabei um eine Begleitung in den Tod, die in einem Wohnwagen am Waldrand stattfand, weil es sich der aus Deutschland angereiste Patient so gewünscht hat und zum anderen für eine als menschenunwürdig empfundene Methode, die zwar nicht den Sterbenden leiden lässt, aber als pietät- und würdelos gilt, weil sie „keinen schönen Akt darstellt“ und zudem mitgefilmt werden musste, um anschließendes Beweismaterial gegenüber der Staatsanwaltschaft und Polizei vorweisen zu können.

Jenseite: Was sind Ihre nächsten Ziele?

DIGNITAS e.V. : Unsere Ziele sind aus unseren Statuten ersichtlich. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wir betrachten den persönlichen Entscheid über Vorgänge am eigenen Lebensende als „letztes Menschenrecht“ und unser Ziel ist, dieses Menschenrecht weltweit durchzusetzen.

Unser Fazit?

Fragen über Fragen. Es lässt sich endlos darüber diskutieren, inwieweit es einem Patienten freistehen sollte, mit welcher Methode und an welchem Ort er sein Leben beenden möchte, inwieweit Vereine wie DIGNITAS e.V. dabei behilflich sein sollten und dürfen und was uns daran speziell schockiert. Ist es die Art des Sterbens? Die Selbstbestimmtheit, ein bloßes Geschäft mit dem Tod oder „nur“ die offene Thematisierung über genau diesen?

Im Rahmen unseres Interviews haben wir sehr detaillierte Auskünfte zu den Wünschen der Patienten sowie zu den verschiedenen und kritisierten Vorgehensweisen erhalten. Natürlich haben die Einzelheiten über die Art und Weise des Sterbens und der Freitodbegleitung ein negatives Gefühl in uns verursacht und auch wir stellen uns mal wieder die Frage, wo man Grenzen ziehen sollte. Die Mehrheit plädiert für ein selbstbestimmtes Sterben, aber wo sollte dieses anfangen und wo aufhören? Worin besteht die Würdelosigkeit, wenn man das eigene Leben bewusst verkürzt, weil es keine Chance mehr auf Heilung gibt? Genau an diesem Punkt stellt sich nämlich eine weitere Frage: „Sollte man einem psychisch kranken Menschen genauso selbstverständlich bei einer Freitodbegleitung behilflich sein, wie einer physisch todkranken Person?

Sofern die aktive Sterbehilfe verboten bleibt, bleibt jedem Einzelschicksal nur die Möglichkeit, sich selbst das Leben zu nehmen und sich dabei von Menschen begleiten zu lassen. Besteht darin die Würdelosigkeit? Dass ein anderer Mensch dabei zusieht? Wäre es nicht noch schlimmer, wenn man den Freitod ganz alleine bestreiten muss? Und gäbe es einen Tod auf Verlangen – erscheint der Gedanke dem Arzt gegenüber nicht viel würdeloser, von diesem eine bewusst eingeleitete Verkürzung eines anderen Lebens einzufordern? Ist nicht schon die passive Sterbehilfe aus Sicht des Arztes eine unheimliche emotionale Belastung? Sofern ein Patient aber ausdrücklich innerhalb seiner Patientenverfügung angeordnet hat, dass keine lebenserhaltenden Maßnahmen erwünscht sind, ist der Arzt sogar verpflichtet, diese passive Sterbehilfe zu leisten. Ganz egal, ob er persönlich nun eine andere Ansicht vertritt und somit diese Handlung vielleicht als moralisch verwerflich ansieht.

Schlussendlich muss man sich auch noch die Frage stellen, ob die aktive Sterbehilfe gegenüber des selbst gewählten Freitods nicht erstrebenswerter ist. Den eigenen Freitod kann und muss man – wie der Name schon sagt – selbst herbeiführen und somit auch noch in der Lage sein, diesen letzten Schritt selbst durchzuführen. Bei der aktiven Sterbehilfe würde diese Aufgabe der Arzt übernehmen und somit wäre eine Verlängerung des Lebens – zum Beispiel trotz Querschnittslähmung – möglich und die Sterbehilfe könnte zu einem Zeitpunkt erfolgen, den alle gemeinsam festgelegt haben; und nicht „nur“ solange, wie der Patient eigenständig in der Lage wäre, sein Leben eigenhändig zu beenden.

 

Titelbild: © Robert Stanley – Fotolia.com

 

Autor: Saskia Schwarz

Es ist gar nicht so einfach, mal eben kurz in Worte zu fassen, wie ich über den Tod und das Sterben denke. Auch wenn ich mich seit nun fast 1,5 Jahren beruflich damit auseinandersetze. Ich würde aber behaupten, dass sich meine Sicht darauf nicht groß verändert hat. Natürlich bin ich durch die tägliche Recherche noch sehr viel informierter, aber ein Tabuthema war es für mich auch davor schon nicht. Um so wichtiger finde ich es, mein erweitertes Wissen und den Umgang mit Trauer- und Vorsorge-Themen an unsere Leser weitergeben zu dürfen. Gerade, wenn es um die eigene Beerdigung , das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben sowie die Themen Organspende und Depressionen geht. Diesbezüglich liegt es mir sehr am Herzen, wenn ich Menschen durch unsere Offenheit dazu ermutigen kann, die Angst vor diesen Bereichen bzw. gegenüber ihrer Thematisierung zu verlieren. Denn der Tod ist und bleibt nun mal Teil des Lebens.

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