Die Bestattungskultur des Islam

2

Wer ist dein Gott?

Wer ist dein Prophet? Was ist deine Religion? – Bevor ein gläubiger Muslim nach seinem Tod ins Paradies kommt, wird seine unsterbliche Seele genau geprüft. Kann er alle Fragen richtig beantworten und von seinen Sünden freigesprochen werden, dann erwartet ihn ein Ort der Sinnesfreuden, der Leichtigkeit und des Friedens an der Seite Allahs. Die Bestattungskultur des Islam, der jüngsten und zweitgrößten der fünf Weltreligionen, hält nicht nur für den Verstorbenen ein enormes Regelwerk für den Eintritt ins Paradies bereit. Auch die Angehörigen müssen sich für eine ordnungsgemäße muslimische Bestattung an eine Vielzahl alter Riten halten.

Liegt ein Muslim im Sterben, muss er auf seine rechte Seite in Richtung Mekka gedreht werden. Wenn möglich wird die Schahada, das Glaubensbekenntnis, noch gesprochen, während er bei Bewusstsein und ohne Schmerzen ist. Gesprochen wird sie von Jemandem, über den nur Gutes gesagt werden kann, einer reinen Person. Ähnlich wie bei einer jüdischen Aufbahrung, werden nach dem Eintritt des Todes die Augen des Verstorbenen geschlossen. Mit einem Tuch werden Ober- und Unterkiefer zusammengebunden, damit auch der Mund verschlossen bleibt. Danach wird der Verstorbene entkleidet und auf einem Holzgestell, mit den Füßen gen Mekka, für die rituelle Waschung aufgebahrt, die möglichst schnell vollzogen werden muss. Sie ist Vorschrift für die Hinterbliebenen und muss nach den Regeln der Sunna, dem überlieferten Brauch des Propheten Mohammed, erfolgen:

  • Männliche Verstorbene werden von den männlichen Angehörigen gewaschen, Frauen von Frauen – Ehefrauen ist es gestattet ihren Mann zu waschen.
  • Ansonsten sollte die Waschung von einem nahen Verwandten durchgeführt werden, einem verantwortungsvollen und volljährigen Muslim, der im Idealfall vorher vom Verstorbenen bestimmt wurde.
  • Ein Muslim oder eine Muslima dürfen unter besonderen Umständen von einem Nicht-Anverwandten des anderen Geschlechts gereinigt werden, wenn die Hände so bedeckt sind, dass sie die Haut nicht direkt berühren.
  • Ein Nicht-Muslim darf den Toten nicht waschen und auch keine Totenwaschung erhalten.
  • Der Verstorbene wird dreimal von Kopf bis Fuß mit heißem Wasser und Seife gewaschen.
  • Totgeburten und Märtyrer müssen keiner Waschung unterzogen werden.

Keine Klagen – respektvolle Ruhe

Ein Muslim wird so beerdigt, wie er war. Kosmetische oder sogar chirurgische Veränderungen sind nicht gestattet. Der Tote wird vor der Bestattung in Leinentücher eingehüllt. Die Beerdigung wird, wenn möglich, am Sterbeort vollzogen. Besteht keine Verwesungsgefahr, kann der Leichnam auch an einen anderen Ort überführt und dort bestattet werden. Das rituelle Totengebet und die Freisprechung werden vor der versammelten Gemeinde im Freien abgehalten. Dabei müssen die Anwesenden stehen bleiben. Der Leichnam wird von mindestens vier schweigenden Männern zum Grab getragen, wobei sie alle zehn Schritte die Position im Uhrzeigersinn wechseln. Die begleitende Gemeinde geht hinter demVerstorbenen und spricht dabei unaufhörlich das Glaubensbekenntnis. Dass Frauen den Zug begleiten ist unüblich, jedoch nicht verboten. Passanten, die dem Islam angehören können sich jederzeit anschließen. Das Tragen des Verstorbenen ist ein Zeichen höchsten Respekts und deshalb eine ehrenvolle Aufgabe. Meist werden während der Zeremonie die guten Taten eines Toten aufgezählt und die schlechten verschwiegen. Ebenso wie in der christlichen Bestattungskultur, spricht man auch im Islam nicht schlecht von einem Verstorbenen. Das Grab wird mit Hilfe der Anwesenden mit Erde gefüllt.

Der Toten gedenken

Innerhalb von drei Tagen nach dem Tod empfängt die Familie Kondolenzbesucher. Nach dieser Zeit sollten, mit Ausnahme von Sonderfällen, keine Beileidsbekundungen mehr erfolgen. Bis 40 Tage nach dem Tod wird ein Traueressen mit religiösen Lesungen abgehalten. An Feiertagen versammeln sich Familien oft auf dem Friedhof. Der Grabbesuch entspricht der Sunna, um eine Lehre aus dem Tod zu ziehen, um den Koran zu lesen und um den Gotteslohn für die Toten zu erhalten. Während dieser Besuche gelten ebenfalls gewisse Regeln: Man darf nicht um das Grab herumlaufen, Hände, Gesicht oder Gegenstände darauf ablegen, den Toten um Hilfe anflehen und auch keine Kerzen anzünden.

Nach muslimischem Glauben gibt es eine deutliche Trennung zwischen Seele und Körper. Die unsterbliche Seele wird nach dem Tod entweder zurück zu Gott ins Paradies gebracht oder muss in der Hölle für begangene Sünden büßen. Dieser Entscheidung gehen einige Prüfungen, das Jüngste Gericht und die Auferstehung voraus. Einen guten Muslim erwartet am Ende aber ein Platz ganz nah bei Gott.

Teilen.